Reclining Figures made of elmwood oder: Wie der Verkauf einer Skulptur aus Ulmenholz den Erwerb eines Eigenheims ermöglichte

Henry Moore ist kein Holzbildhauer. Dennoch gibt es mehrere Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden, die er eigenhändig aus den Stämmen geschlagen hat – das Sägen mit der Kettensäge war zu seiner Zeit noch keine Option. Wenn am Beginn der Holzwege ein Bildhauer steht, der in Holz gearbeitet hat, ohne dass der Stoff, aus dem die Bäume sind, sein bevorzugtes Material gewesen wäre, so hat das zum einen private, zum anderen programmatische Gründe. Die privaten Gründe führen ins Biographische und tun hier nichts zur Sache. Die programmatischen sollen kurz dargelegt werden.

Wie ihr Name schon sagt, sollen und wollen die Holzwege grundsätzlich überall und nirgends hinführen. Wobei natürlich mehr als nur gelegentlich von Holz und von der Holzbildhauerei die Rede sein wird. Viel mehr lässt sich positiv über das den Holzwegen als Web-Magazin zugrunde liegende „Prinzip Holzweg“ nicht sagen. Anders formuliert: Es wird in diesem Holzbildhauer-Magazin zwar um Holz-Kunst und Holz-Handwerk und das Holz als solches gehen, aber nicht in erster Linie um den Holzbildhauer oder Bildschnitzer wie er im Buche steht. Nicht nur, weil es den kaum noch gibt, sondern vor allem, weil damit eine Vielzahl von Bezügen unberücksichtigt bleiben müsste. Die meisten Holzwege, die uns auf der Spur des Holzes in die bildende Kunst oder anderswohin führen werden, könnten nicht begangen werden. Und das wäre doch schade. Mithin entspricht es durchaus der Programmatik der Holzwege, wenn sie als erstes einen Künstler ins Blickfeld rücken, der auf den ersten Blick gar nicht ins Programm zu passen scheint.

Henry Moore: Reclining Figure, 1936, Ulme, Länge 106,7 cm (Wakefield, City Art Gallery and Museum)

„Ich arbeite gerne mit Ulmenholz, wegen seiner groben Aderung ist es für mächtige Skulpturen geeignet; auch gefällt mir die kühle graue Tönung des Holzes.“ Dieses Bekenntnis zur Ulme (Englisch elm tree) legte Henry Moore 1968 ab, im Jahr seines siebzigsten Geburtstags. In den zurückliegenden 43 Jahren hatte er immer mal wieder mit Ulmenholz gearbeitet. Insgesamt sechs liegende Figuren (reclining figures) waren in diesem Zeitraum entstanden, die erste 1935/36 (knapp 90 cm lang), die zweite kurz darauf 1936 (107 cm) und die dritte drei Jahre später 1939 (205 cm). Henry Moore lebte mit seiner Frau Irina (verheiratet seit 1929) zu jener Zeit im Londoner Stadtteil Hampstead und war Leiter der Bildhauerei an der Chelsea School of Arts im Londoner Stadtteil Chelsea. Zugleich besaß er ein Anwesen in Kent in der Nähe von Canterbury. Da Moore sich zu jener Zeit u. a. mit dem Surrealismus auseinandersetzte und 1936 selbst mit Werken an der International Surrealist Exhibition in den New Burlington Galleries in London beteiligt war, liegt es nahe, in den ersten reclining figures nach Spuren von Surrealismus zu suchen, worauf an dieser Stelle allerdings verzichtet wird. Denn bekanntlich gilt: Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan; hinzu kommt, dass Henry Moore im selben Jahr (1936) auch an einer Ausstellung über Kubismus und Abstrakte Kunst im Museum of Modern Art in New York teilnahm.

Henry Moore: Reclining Figure, 1939, Ulme, Länge 205 cm (Detroit Institute of Art)

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die Moores waren während des Krieges in den 50 Kilometer nördlich von London gelegenen Weiler Perry Green umgezogen, entstand die vierte der liegenden Ulmenholz-Figuren. Den Umzug nach Perry Green hatte der Verkauf der oben abgebildeten Plastik ermöglicht. Moore berichtete darüber Ende der 1960er Jahre: „At Much Hadham [wozu das Örtchen Perry Green gehört, L. R.] we discovered we could lease half of a house called ‚Hoglands‘. The owner was away at the war and his wife decided to go and live with her mother and offered to sell us Hoglands. I had just been offered £300 by Gordon Onslow-Ford for the big 1939 elmwood Reclining Figure and this happened to be exactly the deposit [Anzahlung] required on the house. We have lived at Hoglands ever since.“

Henry Moore: Reclining Figure, 1945-46, Ulme, Länge 190,5 cm (Privatbesitz)

Es dauerte dann rund 14 Jahre, bis Henry Moore erneut zu den Schnitzeisen griff, um eine bis dahin stehende Ulme in eine Liegende zu verwandeln. Da der Stamm aber unverhofft zu reißen begann, zog sich die Arbeit insgesamt über fünf oder sechs Jahre hin: „Die Fertigstellung dieser Liegenden Figur in Ulmenholz war langwierig, weil sich in den frühen Arbeitsstadien ein Sprung im unteren Teil zeigte, der in dem mächtigen Baumstamm nicht zu sehen gewesen war. Ich war ziemlich entmutigt, als ich feststellte, daß dieser Sprung größer wurde, und unterbrach eine Zeitlang meine Arbeit. Doch das Spalten verlangsamte sich, ich nahm schließlich die Arbeit wieder auf und führte sie zu Ende. Sie dauerte aber alles in allem fünf oder sechs Jahre. Ich glaube, die Plastik gewann durch diese langsame Entwicklung.“ (Henry Moore, zitiert nach: Henry Moore, Ursprung und Vollendung, 1996, Prestel).

Henry Moore: Reclining Figure, 1959-64, Ulme, Länge 261,5 cm

Nicht alles, aber doch sehr viel über Henry Moore erfährt man auf dieser Website.